WAS IST
FASLAM?
Kurz gesagt: frei, verkleidet, satt.
Die ehrliche Antwort ist weniger mystisch, als man oft hört. Dafür aber deutlich lustiger.
Norddeutscher FaslamKernregion: Landkreis Harburg
Faslamsclub
Salzhausen
von 1993
Der Faktencheck
Ein Satz geistert durch fast jede Faslamsbeschreibung: „Ein alter Winterbrauch aus der Heide. Knechte und Mägde zogen verkleidet und laut von Hof zu Hof, um den Winter zu vertreiben.“ Wir haben ihn auch mal geglaubt. Die Volkskunde sieht das so:
„Ein alter Winterbrauch“
Halb wahrBelastbare Belege für den norddeutschen Faslam gibt es erst ab dem 19. Jahrhundert.
„Um den Winter zu vertreiben“
ErfundenEine romantische Zutat um 1900. Weder Quellen aus der Landwirtschaft noch kirchliche Rügen erwähnen Naturmagie oder Dämonenabwehr.
„Knechte und Mägde zogen verkleidet umher“
StimmtFaslam war ein Brauch der ländlichen Unterschicht und der ledigen Junggesellen.
„Gefeiert wurde mit dem Erschnorrten“
StimmtDas Schnorren, in der Fachsprache Heischegang, bezahlte Lumpenball und Festessen.
FREI. PLEITE. DURSTIG.
Faslam ist Agrarökonomie, keine Naturmagie.
Das Gesinde auf den Höfen hatte im 19. Jahrhundert kaum freie Zeit. Im Hochwinter ruhte die Feldarbeit, das Vieh stand im Stall, die Hausschlachtung war erledigt. Also gab es ein paar freie Tage, aber weder Geld noch Vorräte für ein Fest.
Die Lösung: verkleidet und mit Ruß im Gesicht von Hof zu Hof ziehen und bei den Bauern einsammeln, was es gab. Eier, Mettwurst, Speck und Schnaps. Für ein paar Tage hatte die Unterschicht im Dorf das Sagen.
VERKEHRTE WELT
Vadder und Mudder: Travestie mit System.
Traditionell besetzten ledige Junggesellen beide Rollen, der Mann im Frauenkleid inklusive. Das ist ein klassisches Element europäischer Umkehrfeste: Für ein paar Tage wird die strenge Familien- und Dorfordnung auf den Kopf gestellt und veralbert.
In Salzhausen denken wir das konsequent weiter. Hier ist der Vadder oft eine Frau.
DAS LIED VERRÄT ALLES
Kein Winter, kein Dämon, kein Wetter.
Die Faslamslieder, die bis heute beim Schnorren gesungen werden, sind die ehrlichste Quelle. Sie handeln von Arbeitsverweigerung, Exzess und vollem Bauch. Solange das Erschnorrte reicht, wird nicht gearbeitet.
Solang wie de Mors in de Büx noch passt,
Salzhäuser Fassung
wird keine Arbeit angefasst.
So lang de Buuk in de West noch passt,
Variante aus Stöckte und Schierhorn
wird keine Arbeit angefasst.
Faslam, Faslam, ro’e Oogen,
Plattdeutscher Heischevers, an der Haustür vorgetragen
hett den ganzen Dag logen,
hett den ganzen Dag danzt,
hett dat Geld all verbrast.
VOM KNECHT ZUM VEREIN
Warum es heute Faslamsclubs gibt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand mit der Mechanisierung der Landwirtschaft das Gesinde und damit die Leute, die Faslam gefeiert hatten. Um das Fest zu retten, gründeten sich Vereine. Statt der Knechte feiert seitdem das ganze Dorf.
Der Landkreis Harburg ist bis heute die Hochburg, mit Orten wie Stöckte, Schierhorn, Brackel und Hanstedt. Und seit 1993 mit Salzhausen.
Das Fazit
Beim Faslam ging es nie ums Wetter. Es ging um den vollen Bauch, ein paar Tage frei von der Arbeit und die Welt einmal verkehrt herum.
Daran hat sich, ehrlich gesagt, wenig geändert.
In den KalenderQuellen
Grundlage dieser Seite ist das Paper „Konstruktion und soziologische Realität des norddeutschen Faslams. Eine volkskundliche Untersuchung zur Folklorisierung von Agrarbräuchen im Landkreis Harburg“. Dort zitiert:
- Antholz, Birger (2005): Faslam. Deskription des norddeutschen Karnevals im Landkreis Harburg. Harburg.
- Faslamsbrüder Stöckte e. V.: Vereinschronik und historisches Liedgut.
- Mezger, Werner (1991): Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Konstanz: Universitätsverlag.
- Moser, Dietz-Rüdiger (1986): Fastnacht, Fasching, Karneval. Das Fest der „verkehrten Welt“. Graz/Köln: Edition Styria.
